Thyros – Herdentrieb 9

9

Noch haben wir Zeit, dachte Alexio und trieb seine Herde über das schneebedeckte Gras. Jetzt durfte nichts mehr schief gehen.

Manchmal muss man auch mal Glück haben, dachte er.

Es war knapp gewesen. Das Wetter war unbeständig gewesen. Es hatte weiter geregnet und später geschneit. Der Waldboden war schlammig und uneben geworden. Alexio musste den Bock immer wieder führen. Dahinter folgten die Muttertiere mit ihren Jungen immer paarweise.

Es hatte lange gedauert, bis sie eine passende Stelle gefunden hatten. Hier war es los gegangen mit dem Glück. Ein großer alter Nadelbaum war in den Fluss gestürzt und verband so beide Ufer miteinander. Natürlich war er nicht groß genug, damit der Bock den Karren darüber ziehen konnte, aber er hatte das Wasser aufgestaut. Trotzdem hatte er lange gebraucht um die ganze Herde sicher von einem zum anderen Ufer zu bringen. Erst den Bock und dann jedes Muttertier und ihr Junges. Manche hatte er auf die Arme genommen, manche schafften es auch alleine. Am Ende war die Sonne bereits untergegangen gewesen, als alle den Fluss überquert hatten. Seine Füße waren eiskalt und taub. Sein Hemd klebte am Rücken und heiße Dampfwolken stiegen nach oben.

Nachdem er die Herde tiefer zurück in den Wald geführt hatte und ein geeigneten Lagerplatz für sie alle gefunden hatte, hatte er ein Feuer entzündet. Die Tiere lagen in einem Halbkreis um das Feuer. Manche schliefen bereits. Alexio saß vor dem Feuer und wärmte sich. Um die Schulter hatte er sich ein Fell geworfen, genauso wie um die Nieren. Danil und seine Mutter lagen neben ihn. Er streichelte den Kopf des kleinen Bockes und sah verträumt in die Flammen.

Warum habe ich so lange gezögert?

Er musste die Frage nicht stellen. Er kannte die Antwort bereits. Und es lag nicht nur an Danil und Chloe. Sie beide waren zwar nie ausgekommen, seitdem Verantwortung über die Herde übernommen hatte. Er tat es einfach ohne nachzufragen. Alexio hatte nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet die Älteste um Rat zu fragen. Es waren die Tiere seines Vaters und später seine Tiere. Sie waren seine Familie. Und jedes Jahr etwas mehr. Das war ihm im letzten Jahr klar geworden. Ja er und Thalis waren immer noch Freunde. Dennoch war es nicht mehr das selbe, wie früher.

Das der Preis älter zu werde, dachte er.

Sie bewegten sich beide auf einer anderen Linie und je mehr Zeit verging, desto weiter entfernten sich diese Linien voneinander. Das galt für das ganze Dorf. Er fühlte sich nicht mehr zugehörig. Er war kein Teil davon.

Thalis hatte Recht. Wenn ich nicht aufpasse, dann werde ich noch wie Benu. Ich hab Angst davor zurück zu kehren und fest zu stellen, dass es zu spät ist. Was ist wenn mich keiner mehr dort haben will? Es sind jetzt acht Monde vergangen.

Der junge Bock blöckte kurz auf und stieß seinen Kopf gegen Alexios Hand. Er kraulte das weiche Fell von Danil und war erstaunt wie empathisch dieses Tier war. Wie stark ihre Bindung war. Er hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, auch um Danil genug Zeit zu geben. Robust genug für den Winter zu werden. Und jetzt hatte er es fast geschafft. Ja, er konnte fühlen wie stolz er war.

Das Feuer glimmte nur noch und Alexio hatte sich auf ein paar Felle gelegt und mit den restlichen bedeckt. Die ganze Herde war enger zusammen gekommen. Wieder bildeten sie einen Halbkreis, diesmal um ihn. Außen lagen die Mütter und schotteten die Jungtiere in der Mitte so gut es ging vom eisigen Wind ab, der immer mal wieder durch den Wald pfiff.

Er sah nach oben durch die zum Teil kahlen Bäumen. Der Nachthimmel war schwarz und sternenklar. Heute gab es keinen Regen. Dafür Frost. Er konnte Danil an seiner Seite spüren. Der Bock hatte seinen Kopf auf den von Fellen bedeckten Oberschenkel gelegt.

Er konnte sogar die alte Mutter sehen. Einer der größten Sterne am Himmel. Sie hatte einen blauen Glanz und wachte über sie alle. Genau dort war der Platz seiner Ahnen. Vor seinem geistigen Auge sah er seine Mutter und seinen Vater, seinen Bruder und kleine Schwester am Tisch der alten Mutter sitzen. Sie aßen Braten, Gemüse und Früchte. Tranken Wein, Milch und Wasser. Daneben die vergangenen Ältesten des Dorfes und all die anderen Toten.

Seine Augen schlossen sich. Schon bald würde er selbst an so einem Tisch sitzen. Mit seinen Freunden zusammen. Und vor ihnen lag fast ein ganzer Mondzyklus Frieden und Freude. Wer weiß, vielleicht entschloss er sich ja wirklich dort zu bleiben. Er würde zwar Temi nicht zu Frau nehmen, aber er könnte zusammen mit Thalis sein Haus ausbessern. Es würde genug Platz bieten. Er konnte einen Stall bauen und die Herde etwas abseits vom Dorf grasen lassen. Dann würde er sich nicht mehr so alleine fühlen. Er müsste es dann nicht mehr, weil er es nicht war. Ganz anders, wenn er noch einmal sich dazu entschließen würde weg zu gehen. Dann war es wahrscheinlich für immer. Vielleicht nicht gleich im nächsten Jahr oder übernächsten. Aber irgendwann würde er einfach nicht mehr zurück kehren.

Ja, ich könnte wirklich da bleiben und….dachte er und schlief mitten im Satz ein.

Drei Stunden später schreckte er aus seinem Schlaf hoch. Das Knacken eines Zweiges hatte ihn geweckt. Irgendwas oder irgendwer stand fünf Meter von ihm und seiner Herde entfernt.

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Thyros – Herdentrieb 8

8

Jetzt sind es nur noch eine handvoll Tage….wo bist du nur Alexio, dachte Temisar als sie von ihrem Jagdzug zurück gekehrt war. Diesmal hatte sie mehr erbeutet. Drei Rebhühner, einen Fasan und vier Kaninchen waren an Schüren befestigt und über ihre Schulter geworfen. Auf einer einfachen Lederpritsche transportierte sie eine Hirschkuh hinter sich her. Gestern hatte sie die Kuh bemerkt und deswegen heute die Pritsche mitgenommen. Es war ein anmutiges Tier gewesen, wie es aus einem kleinen Bach mitten im Fluss getrunken hatte. Temisar hatte sich auf die Lauer gelegt und das Tier beobachtet. Das Fell glänzte rötlich, wann immer ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach fiel. Auf dieser Seite des Dorfes war das Wetter immer besser. Gestern Nacht hatte sie das Unwetter am Fuße der Berge gehört, aber hier war es bis auf den gefrorenen Tau trocken gewesen. Das war ihr Glück gewesen. Und so konnte sie in Ruhe die Hirschkuh dabei beobachten, wie diese trank.

Erst als sie sicher war, dass es kein Muttertier war, hatte sie ihren Bogen gezückt. Es war eines der Gebote ihres Vaters. Kein Muttertier wird getötet, so lange die Jungtiere nicht alt genug sind einen Winter zu überstehen.

Sie hat kein Junges Vater, dachte sie. Und das Dorf wird größer. Wir brauchen mehr Vorräte. Heute war dafür ein guter Tag. Was ist mit dir? Du bist seit gestern Abend überfällig….

Temisar hatte einen Pfeil gespannt und stand weiter regungslos da. Sie atme ein. Zielte. Sie atmete aus. Ein Schuss hatte gereicht.

Der Weg war beschwerlich. Trotzdem kämpfte sie sich durch das Unterholz. Was war dieses Jahr nur los? Erst verspätete sich Alexio und jetzt auch noch ihr Vater. Tief in ihrem Inneren spürte sie eine seltsame Schwere. Immer wieder holten Sie die Gedanken an den Tod ein. Und immer schob sie diese Gedanken bei Seite.

Nein, keine Zeit dafür, dachte Temisar dann und fing an ein Tier zu häuten. Schärfte ihr Jagdmesser, tauschte Fleisch gegen Gemüse oder kümmerte sich weiter um den Wintervorrat.

Auf der letzten Lichtung, ein gutes Stück war es noch durch den Wald bis zu ihrem Dorf, traf sie auf Riond.

Sie nickte ihm zu, als er sie freundlich grüßte. Heute war er alleine. Auch er war auf dem Rückweg zum Dorf. Er gesellte sich zu ihr. Ohne zu Fragen – sie hätte abgelehnt – nahm er ihr die Pritsche aus der Hand und kümmerte sich um die Hirschkuh.

Danke, aber ich schaff es auch alleine“, protestierte sie trotzdem.

Na sicher. Weiß ich doch Temi“, antwortete er und grinste sie an. Sie rollte mit den Augen und musste dann darüber kichern. Riond schaffte es immer wieder, dass sie sich wie ein kleines Mädchen vor kam, was ziemlich absurd war. Sie war sich nicht ganz sicher ob es am Klang seiner weichen Stimme lag oder an seinem frechen Grinsen.

Wo möglich an beidem, dachte sie.

Aber es passierte nur, wenn sie beide alleine waren. Dann war es anders. Stumm gingen sie nebeneinander.

Es geht ihm sicherlich gut“, flüsterte Riond nach ein paar Metern. „Er kommt bald nach Hause.“

Sie drehte den Kopf und musterte den Jungen. Wollte er sie beruhigen oder sich selbst?

Nach und nach fiel ihr auf, dass Junge wohl nicht mehr die richtige Bezeichnung war. Die kindlichen Züge waren härter geworden in den letzten Wochen. Das Kinn, die Wangenknochen und die Stirn hatten mehr Konturen. Aber am deutlichsten sah sie es in seinen Augen. Es waren nicht mehr die unbeschwerten Augen eines Jungen der im Wald mit seinen Freunden spielte.

Mein Vater kann auf sich selbst aufpassen“, antwortete sie.

Und Alexio auch oder?“

Sie sah ihm kurz in die Augen und nickte schließlich. War dieses Interesse neu? Oder war es ihr bis jetzt nur nicht aufgefallen?

Wir haben noch ein paar Tage bis zum Fest. Ich bin mir sicher, sie sind beide bis dahin daheim“, sagte sie und wurde das Gefühl nicht los, dass sie es diesmal nur sagte um sich und Riond zu beruhigen. Noch haben sie Zeit, dachte sie.

Thyros – Herdentrieb 7

7

Alexio und seine Herde waren gut voran gekommen. Zu erst zumindest. Den letzten Baum des Waldes hatten sie bereits nach anderthalb Tagen erreicht. Das hieß, dass es nur noch zwei oder drei Tage dauernd konnte. Hier unten im Tal unweit des Flusses würden sie ebenfalls schnell voran kommen. Anders als erwartet war es nicht schwieriger als im Jahr davor, auch wenn er deutlich mehr Jungtiere mitführte dieses Jahr. Scheinbar verstanden die älteren Tiere, dass sie spät dran waren in diesem Jahr und so heulten die Mütter immer sofort auf, wenn sich ihre Jungen zu weit von ihnen entfernten. Er ging an der Spitze flankiert von dem Bock, der den Karren zog. Die restliche Herde folgte ihnen. Von Zeit zu Zeit drehte er sich um und zählte seine Herde. Irgendwann tauchte Danil an seiner Seite auf und ging ebenfalls voraus, als ob er bereits jetzt deutlich machen wollte, dass er in ein paar Jahren den Platz des Bockes einnehmen würde.

Nach einem Tag in dem sie das Tal durchwanderten trafen sie auf den großen Fluss, der von seinem Dorf als Isur bezeichnet wurde. Hier war er bereits zu einem Strom angewachsen und sie mussten Fluss aufwärts wandern um eine seichte Stelle zu finden.

Die Tage wurden jetzt immer kürzer und die Nächte immer kälter. Und dann fing es an zu regnen. Es regnete fast einen ganzen Tag lang. Der Isur schwoll an und selbst die seichten Stellen wurden unpassierbar. Alexio beschloss, nachdem er einen Tag gewartet hatte, sein Glück weiter flussaufwärts zu versuchen. Auch wenn das hieße, dass er alles was er jetzt flussaufwärts ging, später auf der anderen Seite wieder zurück gehen müsste. Aber er hatte schlussendlich keine Zeit mehr. Zu allem Übel war es jetzt klar, dass er jetzt schon einen Umweg gemacht hatte, denn der Isur hatte seine Quelle in den Bergen und passierte den Wald. Wenn er also vor zwei Tagen nicht soweit ins Tal hinein gegangen wäre, hätte er den Fluss bereits erreicht. Allerdings war es immer schwierig innerhalb des Waldes den Fluss zu überqueren. Vor allem wenn das Gelände nicht eben war.

Trotzdem er hatte keine andere Wahl. Er musste es jetzt dort versuchen. Hier konnte er nicht bleiben und noch einen Tag länger warten war keine Option. Jeden Tag wurde es kälter. An diesem Morgen war der Tau bereits gefroren. Wenn es noch kälter wurde, wäre es der Tod für einige seiner Jungtiere. Besonders Danil war in Gefahr.

Herbstkätzchen, hörte er seine Mutter sagen.

Er biss die Zähne aufeinander und trieb seine Herde in Richtung des Waldes. Er hatte noch Zeit bis zum Vollmond um das Dorf zu erreichen.

Thyros – Herdentrieb 6

6

Sie schloss die Tür hinter sich und konnte fast sofort das Feuer des großen Ofens riechen. Die Tür führte wieder nach draußen, denn die Werkstatt war im Grunde nur eine Überdachung hinter dem Haus. Etwas vom Haus entfernt stand aus großen Steinbrocken geformter Ofen. Sie sah die helle Glut und roch den Duft von brennendem Nadelholz. Direkt vor Ofen stand der Amboss und ein Eimer mit Wasser. Thalis stand genau in der Mitte. Die Hammerschläge hatten aufgehört sobald er sie an der Tür gesehen hatte.

Hallo Thalis“, sagte sie.

Er nickte ihr zu. Sie gesellte sich zu ihm. „Glückwunsch zu deiner eignen Hütte. Ich hab sie gestern auf meiner Tour gesehen. Sieht gut aus“, sie grinste ihn an.

Danke“, sie sahen einander an, aber keiner sagte ein Wort. Beide wusste, was den anderen unter den Nägeln brannte, aber keiner wollte seinen Namen aussprechen.

Wie geht’s voran? Haben meine Pfeilspitzen geholfen?“, fragte sie nach einiger Zeit.

Ja“, antwortete er schnell. „Ziemlich viel. Da links auf der Werkbank, ich hab ein paar aus Eisen angefertigt für dich. Kannst du sie mal testen morgen ob sie etwas taugen? Es ist echt ziemlich gut, dass Riond vor ein paar Tagen auf eine Erzader gestoßen ist. Ich hab einen ziemlich guten Vorrat angehäuft. Das wird uns durch den Winter bringen, alle würden gerne ihre Steinwerkzeuge etwas aufwerten.“, er grinste sie wie ein frecher Junge an.

Das freut mich. Ich könnte selbst ein kleines Beil gebrauchen, wenn du Zeit dafür hast“, antwortete Temi, während sie zur Werkbank ging um die Pfeilspitzen zu betrachten. Sie nahm eine in die Hand um ihr Gewicht zu prüfen.

Ich bin dir einen Schritt vor raus. Es liegt gleich neben den Pfeilspitzen. Handlich aber so scharf wie Wolfszähne.“

Ihr blick schweifte über die Werkbank. Tatsächlich weiter rechts lag ein neues Beil.

Danke.“

Der schmale Griff lag gut in der Hand und war aus hellem Holz. Sie fuhr mit dem Fingernagel über die Schneide und sofort ritze diese in den Nagel. Das war gut.

Ziemlich gute Arbeit Thalis.“

Danke, ich weiß“, wieder dieses kleine-Junge-Grinsen auf seinem Gesicht.

An was arbeitest du im Moment.“

Einem kleinen Schwert. Es ist ein Geschenk.“

Einem Schwert?“

Ja. Du weißt schon, wie in den alten Geschichten. Ist gar nicht so einfach etwas ohne Vorlage zu machen, von dem man nicht weiß wie es genau aussieht, wo der Schwerpunkt ist und so weiter.“

Ist es für…“

Ja.“

Das ist ein gutes Geschenk. Aber warum ein Schwert?“

Er kann es sicher brauchen. Du weißt schon. Dort oben so ganz allein.“

Sie wusste was er meinte. Auch wenn es gelogen war. Dort oben gab es vielleicht hin und wieder einen Berglöwen. Aber Lex hatte ein Messer und seinen Bock. Kein ausgewachsener Berglöwe würde sich in die Nähe eines Bockes wagen, der in mitten einer Herde Muttertiere lebt. Die spitzen spiralförmigen Hörner waren gefährlich und drangen ziemlich einfach durch das Fell einer jeder Raubkatze. Das war also Blödsinn, aber wenn es sich herum sprach, dass er ein Schwert geschmiedet hatte um es Alexio zum Schutz gegen…

die Horde, jetzt sprich es schon ruhig aus. Es ist nichts schlimmes daran es auszusprechen. Schließlich rufst du sie ja nicht herbei damit.

Darf ich es mal sehen?“

Thalis nickte. „Komm ruhig näher.“

Es sah beeindruckend aus. Pfeilspitzen, Beile, Schwerter…., dachte sie. Was ist mit Thalis los?

Einen Moment stand sie da und beobachtete ihn. Es war eine kalte Nacht, trotzdem hatte er sein Hemd ausgezogen, während er direkt neben dem Ofen stand. Er hielt den Eisenrohling ins Feuer. Sein nackter Oberkörper glänzte vor Schweiß. Jetzt nahm er den Rohling aus dem Feuer und legte ihn auf den Amboss. Kurz darauf schnellten die Hammerschläge darauf. Das Eisen glühte fast gelblich und trotzdem schlug der Hammer immer weiter. Sie verlor sich in diesem Anblick.

Dann knackte es weiter links von ihr. Temi zuckte kurz zusammen und ihr Kopf schnellte in die Richtung, Riond und seinen Bruder Amar kamen um die Ecke. Sie sahen fast identisch aus, aber Temi konnte sie doch immer auseinanderhalten. Rionds Stimme war einen Tick heller und Amar war etwas breiter. Beide hatten blondes Haar und große braune Augen. Sie hatten zwei Winter weniger gesehen als Thalis.

Genauso wie ihr Vater liefen sie sobald es dunkel wurde durch das Dorf und außen herum. Sie hielten wache. Untertags unternahmen sie Erkundungstouren rund um das Dorf um es zu schützen und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Auf eine dieser Touren hatte Riond vor ein paar Tagen eine Erzader nahe eines Hügels entdeckt. Auch sonst profitierten sie alle immer wieder von ihren Entdeckungen. Und wenn es nur ein nahender Sturm oder eine Gruppe Wildtiere war auf ihrer Futtersuche. Seit sie das Erz gefunden hatten trugen einige im Dorf das Material ab und Thalis und sein Vater hatten angefangen es zu schmelzen und zu verarbeiten.

Sie erreichten Temi und Thalis.

„Guten Abend“, sagte Amar.

„Hallo ihr zwei“, antwortete Thalis.

„Temi…“, erwiderte Riond und täuschte eine Verbeugung an.

„Lass den Blödsinn“, antwortete sie konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen.

„Wir wollten euch gar nicht lange stören….“, sagte Amar.

„Aber wir wollten dich um einen Gefallen bitten…“, fügte Riond hinzu.

„Kannst du uns jeweils ein Beil machen?“, erwiderte Amar.

Riond macht aus allem eine Show., dachte sie. Furchtbar.

Zwar hatten Thalis, Lex und sie die meiste Zeit alleine verbracht, aber es war damals noch ein kleines Dorf gewesen und so hatte es oft Tage geben, wo auch andere Kinder mit ihnen durch die Wälder gestreift waren. Riond war sogar ziemlich oft bei ihnen gewesen. Er hatte sich oft heimlich weg geschlichen und war zu ihnen gestoßen, ganz anders als sein Bruder Amar, der immer der vorbildliche Sohn der beiden war und ihrem Vater kaum von der Seite wich. Aus diesem Grund kannte Amar wohl die Gegend um das Dorf genauso gut wie sein Vater und Riond nicht. Trotzdem, zumindest in ihren Augen, hatte Riond etwas, dass er seinem Bruder voraus hatte. Instinkt.

Er hat es im Blut besondere Stellen zu finden, dachte sie. Er kann genauso gut kundschaften, wie Thalis ein Schwert herstellen kann ohne je eins zu sehen, Lex seine Herde führen kann oder ich einen Hirsch erlegen kann. Es ist in ihm. Die Orte sie ziehen ihn förmlich an. So wie im Sommer bevor die Horde kam, als wir zu viert unterwegs waren.

„Wenn ihr mir das Erz bringt und einige Vorräte für den Winter fange ich sofort morgen früh damit an“, antwortete Thalis und riss Temi aus den Gedanken.

„Alles klar“, antworteten die Brüder und bedankten sich.

„Wartet mal“, sagte Temi.

Die Brüder sahen sie an und warteten auf ihre Frage.

„Gibt es etwas Neues? Etwas ungewöhnliches? Habt ihr was gesehen?“

„Du meinst von Lexi? Nein es ist alles ruhig. Ich frage mich auch wo er bleibt. Ich denke es wird ein schönes Fest. Ich freu mich zu hören wie es ihm ergangen ist.“, antwortete Riond in einem Tonfall, den Temi sehr selten von Riond hörte. Eigentlich nur, wenn er von ihrem gemeinsamen Freund sprach. Fast so etwas wie Bewunderung, dachte sie.

„Darauf wollte ich nicht hinaus.“

„Natürlich nicht“, antwortete Amar trocken.

„Nein wirklich. Ich hatte auf meiner Tour heute Morgen nur ein komisches Gefühl. Es war viel zu ruhig. Hätte ja sein können euch wäre etwas ähnliches aufgefallen….“

„Es ist alles ruhig“, wiederholte Amar. „Wir müssen weiter.“

Eine Minute später waren die beiden weg.

Sie sind immer noch wie früher“, sagte Temi. „Riond ist anstrengend und Amar ist langweilig.“

Sie lachte und Thalis nickte und setzte zu einem Grinsen an. „Zumindest Riond wird schon dafür sorgen, dass wir ein gutes Fest bekommen.“

Ja da hast du Recht Thalis.“

Wieder schwiegen sie einen Moment und Temi wurde das Gefühl nicht los, dass etwas zwischen ihnen stand. Und es war nicht Alexio. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder. Thalis sah auf und in ihre Augen und seufzte.

Ach was soll’s“, sagte er. „Du wirst es eh auf dem Winterfest erfahren, wenn die zukünftigen Familien benannt werden. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz pochte plötzlich wild. Sie konnte ihr Blut in ihren Ohren rauschen hören.

Er wird mich fragen! Jetzt sofort! Ob ich seine Frau werde. Bei der alten Mutter, es wird gleich passieren.

Ich war vor heute Vormittag bei Chloe“, setzte er an. „Du weißt ja in ein paar Tagen bin ein vollwertiges Mitglied unseres Dorfes. Das Haus habe ich, jetzt kommt die Familie.“

Sie nickte stumm.

Deswegen war ich bei ihr. Um über meine zukünftige Rolle zu sprechen und wen ich zur Frau nehmen sollte“, er brach den Augenkontakt ab und sah zu Boden.

Deswegen warst du bei Chloe? Warum das den?“

Er sah irritiert auf. „Wusstest du das nicht? Seit dem letzten Angriff fällt Chloe die Entscheidung mit welcher Frau man eine Familie gründet. Sie spricht mit jedem heranwachsenden Mann. Anfang des Jahres sprach sie auch mit Alexio. Natürlich achtet Sie auch auf das was man selbst möchte und so. Aber es ist zum Wohle der Gemeinschaft, hatte sie mir gesagt. Um die optimalen Verbindungslinien zu schaffen und uns besser auf zu stellen. Und ums besser zu integrieren, da sie nicht mehr ewig hier sein wird und unsere Generation den nächsten Ältesten stellen wird, sobald sie zu unseren Ahnen aufgestiegen ist. So will sie uns bestmöglich vorbereiten.“

Ach hör doch auf! Sie wird uns alle überleben!“

Thalis reagierte nicht. „Chloe hat entschieden wen ich zur Frau nehmen soll.“

Sie schluckte und starrte ihn an.

Serra“, antwortete er langsam.

Ihr Herzschlag setzte kurz aus, ihr lief es kalt den Rücken herunter und sie spürte Erleichterung. Sie mochte Thalis, aber sie hätte nicht seine Frau werden konnte.

Serra?“, fragte sie leise. Sie kannte sie nicht sehr gut. Sie wohnte auf der anderen Seite des Dorfes und war mit ihrer Mutter vor zwei Jahren zu ihnen ins Dorf gekommen. Sie waren aus ihrem Dorf vor Wochen geflohen, als die Horde dort war.

Ja genau. Chloe meint es ist an der Zeit frisches Blut in das Dorf zu bringen und es ist ebenso an der Zeit, dass Serra zu einer vollwertigen Frau in unserem Dorf wird. Viele von den anderen Flüchtlingen wurden so mit einbezogen. Nach dem Winterfest wird es ein Dutzend mehr Familie in unsere Dorfgeschichte geben.“

Aber sie ist doch kaum älter als Riond!“

Sie ist alt genug. Freust du dich nicht für mich?“

Doch schon….“

Serra wird mir eine gute Frau werden“, sagte er. „Chloe ist der gleichen Meinung.“

Dann kann ja nichts schief gehen“, antwortete Temi.

Thalis warf ihr einen scharfen Blick zu.

Tut mir leid. Natürlich wird sie das. Soweit ich sie kenne ist sie sehr nett.“

Ja das ist sie.“

Wieder trat Schweigen ein.

Das kann doch nicht wahr sein“, murmelte sie mehr zu sich, als zu Thalis. Sie sah ihm in die Augen. Jetzt glaubte sie zu wissen, was zwischen ihnen stand. Und ab jetzt immer stehen würde. Die Zeit ihres Bundes zu dritt war vorbei.

Sag es mir“, fauchte sie ihm an. „Ihr habt doch mit Sicherheit auch über mich gesprochen!“

Er zögerte. Sah mit einem Mal verunsichert aus. „Das kann ich dir nicht sagen“, er wich ihrem Blick aus. „Thalis?!“, zischte sie nochmal. „Sag es mir jetzt! Was hat sie mit mir vor?“

Sie hat….“, er brach ab und musste tief Luft holen. „Natürlich hatte ich vor geschlagen, dass wir beide…Du weißt schon. Wir kennen uns und verstehen uns und der Rest hätte sich schon zusammen gefügt“, fing er an zu erklären.

Hätte es nicht und das weißt du genau, deswegen bist du so erleichtert gewesen, dass es Serra werden soll, aber gut red es dir nur ein, schoss es ihr durch den Kopf.

Zumindest für den Fall, dass Alexio nicht vor dem Winterfest bei Chloe für dich warb, hätte ich mir vorstellen können, dass wir beide… Meine Eltern hätten sich sehr gefreut… Aber sie hat das ohne Widerrede verneint. Für dich hätte sie andere Pläne, hatte sie zu mir gesagt. Nachdem Alexio ihren Vorschlag letzten Winter nicht angenommen hat… Sie wird nicht seine Frau werden, hat sie zu mir gesagt Temi. Unter keinen Umständen.“.

Du weißt wen sie für mich bestimmt hat oder?“

Nein.“

Sie sah ihm in die Augen. Prüfte ihn musternd. Er log nicht.

Sie hat es mir nicht verraten. Es wird eine Überraschung werden, meinte sie. Du wirst es auf dem Winterfest erfahren.“

Sie nickte stumm.

Entschuldige, dass ich nicht mehr tun konnte für dich“, sagte er leise.

Nein schon gut. Es ehrt mich, dass du dich um mich bemüht hast. Aber ich fürchte Chloe hat zumindest in diesem Falle Recht, ich wäre dir keine gute Frau gewesen“, antwortete sie trocken. Dann drehte sie sich um und lies ihn stehen. Bereits nach ein paar Schritten konnte sie die Hammerschläge hören. Monoton und gleichmäßig drosch Thalis hinter ihr auf das Eisen ein. Selbst als sie in ihrer Hütte war, bildete sie sich ein, dass sie ihn immer noch hören konnte.

Thyros – Herdentrieb 5

5

Alexio ging direkt neben dem Bock. Die Vorrichtung damit der Bock den Karren ziehen konnte hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber Thalis hatte es vor seinem Aufbruch in Augenschein genommen. Und er hatte es ihm versichert, das es halten würde.

Er sah zum Himmel. Bald würde die Sonne untergehen. Schon vor ein paar Stunden hatten sie den Waldrand erreicht. Es ging schneller als er sich erhofft hatte. Also waren sie am Rand des Waldes entlang gegangen. So war es zwar ein Umweg, aber deutlich entspannter. Er musste weiter in die weite, offene Graslandschaft des Tals bevor die Sonne unterging. Die Bäume wurden weniger bis sie ganz aufhörten und nur noch vereinzelt Sträucher zu sehen waren.

Ja das sieht doch gut aus, dachte Alexio. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Ein Stück vor ihnen tauchte der letzte Baum auf. Er kannte ihn. Hier war er bereits letztes Jahr gewesen. Dort war es perfekt. Es gab einen kleinen Fluss, es gab diesen Baum und wenn er Glück hatte hingen sogar noch ein paar Früchte an ihm. Es würde jede Menge kleiner Äste geben. In diesen Tagen so kurz vor dem Frost gab es hier immer wieder frostige Windböen im Tal. Zur Vorsicht hatte er aber bereits als sie den Waldrand erreicht hatten, eine kleine Pause eingelegt und etwas Feuerholz gesucht.

Eine Stunde später war es soweit. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten das Tal in rotes Licht. Alexio hatte sein Zelt aufgebaut, während seine Herde graste. Sicher das Gras hier hatte nicht die gleiche satte Farbe wie auf den Berg, dafür war es noch weitestgehend vom Frost verschont geblieben, der bereits in den Bergen zu spüren war. Er musste mehrmals um ziehen und immer weiter herunter kommen, da der Schnee jetzt immer näher kam. Auf dem größten Berg lag das ganze Jahr Schnee auf dem Gipfel, aber die Gebirgskette hatte mehre Gipfel und einer davon war deutlich kleiner und so war er verschont geblieben, trotz der langen Zeit.

Er hatte ein Lagerfeuer entzündet und saß nun davor um sich zu wärmen. Zwischen dem Karren, dem Zelt und dem Feuer hatte sich der alte Bock niedergelassen, als ob er immer bereit wäre weiter zu wandern. Er war sich sicher, dass die Tiere wussten, wohin sie unterwegs waren und das Sie bald die Tage und Nächte in einem geräumigen Stall verbringen würden. Geschützt von der Kälte. So war es immer. Es gab insgesamt acht volle Monde von einem Fest zum anderen. Das Fest fand selbst immer an dem Tag stand, an dem es die längste Nacht gab. An diesen Tag war es meist nur ein drittel der Zeit hell.

Alexio starrte in das Feuer. Ab und zu stocherte er in der Glut herum. Seine Gedanken kehrten wieder zu Thalis und ihrem letzten Gespräch zurück.

Auch wenn es fast schon sechs Monde her war, erinnerte er sich gut an das Gespräch. Er hatte lange nachgedacht an den Tagen, an dem es nur ihn, die Weide und die Tiere gab. Hatte Ari – insgeheim war es sein Lieblingstier und er war so froh gewesen, dass die Schwangerschaft gut verlaufen war und sie ihm Danil geschenkt hatte – davon erzählt während er neben ihr im Gras saß und der kleine Danil neben ihr lag und den Kopf auf ihrem Bauch hatte und schlief oder aufgeregt um die beiden herum trabte und blökte. Als sie seine Gefühlslage spürte blökte sie aufmunternd, wie es eine Mutter machte, wenn ihr Kind weinend zu ihr kam.

Das passt so, keine Sorge es wird halten“, hatte sein Freund ihm vor sechs Monden gesagt.

Bist du dir sicher? Sieh mal hier, ist das nicht viel zu locker?“

Alexio ruckelte an der Querverstrebung. „Es fällt sicher nicht in sich zusammen?“

Nein, das ist schon in Ordnung so. Du transportierst ja keine riesigen Steine. Du wirst kaum Belastung auf den Karren bringen. Für das was du vorhast wird es mehr als reichen. Außerdem…“

Alexio sah ihn fragend an.

Außerdem würdest du kaum warten, bis ich dir etwas neues zusammen gebaut habe oder? Ich seh es dir doch an, du willst weg. Du hast genug von unserem Dorf. Ich werde während du weg bist einen neuen für dich bauen.“

Alexio strich sich verlegen durch die Haare. „Du hast ja Recht“

Warum eigentlich?“, fragte Thalis.

Weil du bei so etwas schon immer besser warst als ich. Du kannst besser mit Hammer und Holz umgehen. Ich mit Tieren. Ich vertrau dir da. Ich wollte nur sicher gehen.“

Du weißt ganz genau, dass ich das nicht meinte Lex“, die Stimme von Thalis war ruhig, seine blauen Augen sahen ihn vorsichtig an. Suchten Augenkontakt. Alexio atmete tief ein und aus und stellte sich dem Blickkontakt.

Er sah seinem Freund aus Kindertagen an – mit dem er jeden seiner sechzehn Wintern zusammen verbracht hatte – und musterte ihn kurz. Seine Haare waren kurz geschoren und hatten das helle braun seiner Eltern. Ganz anders als sein eigenes Haar, es war schwarz, mittellang und stand morgens oft wild von seinem Kopf ab. Diese Probleme hatte schon seine Mutter gehabt. Er spürte wie sich sein Magen zusammen zog, als er an sie dachte. Er schluckte kurz. Dann sah er Thalis wieder in die Augen. Sie waren so ruhig und klar wie der See nahe des Dorfes an einem heißen Tag.

„Weil das schon mein Vater getan hat. Von ihm hab ich gelernt die Herde zu führen.“

„Das mein ich nicht. Warum gehst du?“

Weil ich hier weg muss“, sagte Alexio schließlich.

Ja aber warum? Es ist wärmer, trockener, deine Markhors könnten in den Wiesen rund um das Dorf grasen. Es wäre alles einfacher. Warum ziehst du jedes Jahr wieder los? Und komm mir jetzt nicht damit wie stolz du jedes Jahr bist wenn deine Tiere prächtig in der Sonne glänzen oder die Milch umwerfend aromatisch schmeckt, wenn Tiere den ganzen Sommer Bergkräuter fressen! Ich vermisse die Tage früher. Hörst du?! Wir haben uns jeden Tag gesehen. Lex… Bitte geh nicht.“

Ich vermisse sie auch.“

Warum bleibst du dann nicht?“

Alexio sah auf den Boden und antwortete nicht.

Du könntest dir eine eigene Hütte bauen. Es ist dein siebzehnter Winter dieses Jahr. Du weist es ist Brauch das ein Junge sich dann eine Hütte baut um Platz für seine Familie zu haben. Ich würde dir helfen. Ein Gatter, ein Gehege, ein Stall. Es wäre alles kein Problem und schnell erledigt. Dann wärst du hier, jeden Tag.“

Alexio schluckte nochmal. Er versteht es nicht, dachte er.

Ich weiß das Chloe’s Vorschlag noch gilt. Nimm ihn an. Temi würde sich freuen. Chloe hat Recht ihr gebt die perfekten Kinder.“

Jetzt sah Alexio auf und starrte Thalis an. „Nein!“

Warum denn nicht? Denk doch mal an Temi. Es ist sicher auch für sie besser, wenn du es bist.“

Danke für deine Hilfe“, antwortete Alexio trocken. „Aber ich muss jetzt los!“

Nein! Du bleibst jetzt hier. Beantworte meine Frage! Warum bleibst du nicht?! Es zerreißt mich jedes Mal aufs neue, wenn du dich auf den Weg machst sobald der Schnee geschmolzen ist! Wie oft soll ich noch in der Nacht wach liegen und mich ob es dir gut geht?!“

Ich kann nicht bleiben. Thalis, hör auf damit. Du weiß genau, dass ich nicht bleiben kann.“

Alexios Fäuste ballten sich und die Fingernägel seiner schmalen Finger bohrten sich tief in die Handfläche. Er presste die Lippen zu schmalen Schlitzen aufeinander. Normalerweise hätte Thalis erkennen müssen, was gerade in ihm vorging. Normalerweise kannte er ihn sehr gut.

Aber normalerweise redet er auch nicht so, dachte er. Was ist los? Woher kommt das plötzlich?

Dann wurde ihm plötzlich klar warum.

Nein ich weiß es nicht. Warum kommst du dann jedes Jahr zurück? Warum wirst du keiner dieser Wanderer, die durchs Land ziehen? Du weißt schon so wie Benu. Den sieht man auch nur am Winterfest. Ist das der nächste Schritt?“, er redete sich jetzt in Rage. So kannte er Thalis nicht.

Wenn du nicht hier bleiben kannst, warum kommst du dann immer wieder?!“

Wegen dir! Und Temi!“, schrie er Thalis entgegen. Dann war er mit einem Mal ganz ruhig. Seine Muskeln lockerten sich wieder.

Ich komme jedes Jahr wieder um euch zu sehen. Ihr seid alles was ich noch habe. Die einzigen zwei Menschen. Ich will Temi nicht zur Frau haben. Ich will das nicht, keine Frau, keine Kinder. Das ist nichts für mich. Verstehst du das? Aber ich will nicht für immer gehen… Wirklich.“

Seine breiten muskulösen Schultern sackten herunter.

Deswegen komme ich wieder. Und ich gehe, weil ich hier nicht bleiben kann. Chloe hat gestern mit dir darüber gesprochen, nicht?“, Thalis brauchte darauf nicht zu antworten, also lies ihm Alexio auch nicht die Zeit dazu.

Sie ist genauso verschlagen und hinterhältig, wie weitsichtig. Sie hat dir diesen Traum in den Kopf gesetzt. Temi würde sich freuen, wenn ich Chloes Vorschlag annehmen würde? Hast du Temi schon einmal gefragt was sie will? Bin ich der Einzige, der sich dafür interessiert was sie will? Und was ist mit dem was ich will? Ich will nicht ihr Mann werden!“

Aber hier ist es sicherer als auf dem Berg…“, erwiderte Thalis leise.

Im Moment ist es sicher. Aber wie lange noch? Wann kommen sie zurück?! Mein Vater wurde vor meinen Augen getötet, weil er meine Mutter versucht hat zu schützen. Sie haben ihm die Zunge heraus gerissen, weil er sie angefleht hatte, sie nicht mit zu nehmen! Sie haben ihm die Augen ausgestochen, weil er geweint hat, als sie meine Mutter in Ketten abgeführt haben. Er sei ein schwacher feiger Mann, nur weil er nicht kämpfen konnte! Dann haben sie ihn geköpft! Also bitte, es ist hier alles andere als sicher. Sie werden wieder kommen. Sie kommen immer wieder. Nur nie wenn Schnee liegt und Chloe weiß das genau.“

Dann sagte keiner mehr ein Wort. Eine Ewigkeit standen sie sich gegenüber und sahen einander an.

Ich werde da sein. Nächstes Jahr“, sagte Alexio.

Dann war der Moment vorbei. Sie machten den Karren fertig für die Abreise am nächsten Morgen. Später, als die Sonne dabei war unterzugehen, stieß Temi zu ihnen und sie Tranken einen Krug voll Wein. Und dann noch einen. Und noch einen. Dabei erzählten sie sich Geschichten. So verlief jeder erste volle Mond nach dem Winterfest seit vier Jahren.

Tyhros – Herdentrieb 4

4

Als Temisar den Wald hinter sich gelassen hatte ging es bereits auf Mittag zu. In der rechten Hand hielt sie ihren Speer, aber den würde sie heute nicht mehr brauchen. Sie hatte kein Glück gehabt. Nur ein paar kleine Tiere waren in ihren Fallen gewesen. Aber keine Spur von etwas Großem. Nicht einmal ihr Falke Leonis hatte mehr als ein Kaninchen aufschrecken können. Jetzt kreiste er über ihrem Kopf über dem Wald und würde sie nach Hause begleiten. Anschließend würde sie ihm etwas zu fressen geben und dann würde er seine eigenen Wege gehen. Heute war nichts zu machen.

Der Geruch des Waldes wurde schwächer, als sie das offene Feld betrat. Vor ihr war nun der letzte Hügel vor dem Dorf. Sie hatte sich einige kleine Kaninchen und zwei Fasane über die Schulter geworfen. Dort hingen sie an Seilen und baumelten bei jedem Schritt. Temisar war die Tochter von Zozo und weil sie das einzige Kind ihrer Eltern war, hatte ihr Vater ihr alles beigebracht, was er wusste. Ihre Mutter hatte sie nicht kennen gelernt. So kam es, dass sie nichts anderes kannte als die Jagd. Sie konnte Fallen aufstellen seit, eigentlich seit sie sich erinnern konnte.

Ihr Vater war vor zwei Tagen aufgebrochen um tiefer in die Wälder zu gehen. Die Zeit wurde knapp. Sie hoffte das er mit mehr Beute zurück kehren würde. Bald wurde es noch kälter und der Frost würde kommen. Sie mussten sich einen Vorrat anlegen.

Jetzt da sie auf dem Hügel war, konnte sie auch die Hütten sehen. Es waren mittlerweile fast ein Dutzend Hütten mit Familien. Außen um das Dorf herum hatten sie vor ein paar Jahren eine Palisade errichtet. Damit sie sicher waren vor Wölfen, Luchsen oder Berglöwen.

Allerdings gibt es immer noch die Horde, schoss ihr durch den Kopf.

Die Horde die schon so viel Leid über sie alle gebracht hatte. Der Griff um ihren Speer wurde fester. Das letzte Mal als sie wie ein Sturm mitten in der Nacht über sie herein gebrochen waren. Es passierte vor vier Wintern und war das Ende der sechsten Generation.

Alexio, dachte sie jetzt. Dann fiel ihr der Frost wieder ein. Er würde bald kommen. Der Griff um ihren Speer wurde lockerer. Ja bald würde er wieder bei ihnen sein. Sie merkte nicht, dass ein leichtes Lächeln ihren sonst so ernsten Gesichtsausdruck aufweichte, wie Wasser frischen Lehm.

Alexio – sie und Thalis nannten ihn schon seit sie drei Kinder waren Lex, genauso wie sie Temi war – gehörte irgendwie immer noch zu ihrer Gemeinschaft auch wenn er die meiste Zeit des Jahres mit seinen Tieren unterwegs war. Er kam immer rechtzeitig zum großen Fest zurück. Eigentlich kam er am letzten vollem Mond vor dem Fest und blieb bis zum ersten vollen Mond danach. In dieser Zeit war es eisig und sie alle lebten von ihren Vorräten. Und so verbrachten sie diese Tage meist zusammen. Sie alle drei. Aber an diesem Vollmond war er noch nicht hier gewesen.

Ist etwas passiert? Warum ist er so spät dieses Jahr?

Temi vermisste die Zeit, in der sie zu dritt umhergezogen waren. Damals vor dem Angriff der Horde, als Alexios Vater noch die meiste Zeit alleine mit der Herde durch die Täler und nahelegen Berge zog. Sie wollte nicht daran denken. Selbst wenn, sie hätte gar nicht die Zeit dazu gehabt. Sie musste die Tiere noch ausnehmen, das Fleisch würde sie zum Teil räuchern und zum Teil in pökeln. Aus allen Fleischteilen, die zu klein war um sie haltbar zu machen würde sie Suppe kochen oder Eintopf. Später würde sie die Materialien wie Felle, Federn, Knochen, Krallen, Zähne und die Schnäbel der Fasane zu Marga – Thalis Mutter – bringen um sie gegen etwas zu tauschen. Vielleicht ein neues Messer. Sie hatte sich noch nicht entschieden.

Jetzt war sie fast da. Ihre Hütten waren kreisförmig angelegt und in der Mitte stand das größte Haus. Es gehörte Chloe. Sie war die Älteste und gehörte noch der fünften Generation an. Sie war älter, als so manche Hütte in ihrem Dorf. Manchmal verteilte sie auch Aufgaben unter ihnen auf, damit sie als Gemeinschaft davon profitieren konnten. So sammelten sie alle einen Teil von Essen und Felle in der großen Hütte von Chloe für die kalten Wochen. Bald stand auch ihr Winterfest an und als Älteste lag es an Chloe es auszurichten.

Sie traf auch Entscheidungen, die dann für das ganze Dorf galten. Alle anderen respektierten das, weil es immer schon so war und sie sicher wusste was das beste für sie alle war. Chloe war eine weise und gerechte Frau. So hatte es Temi ihr Vater erklärt.

Eines Tages wird sie Lex abweisen wenn er zurück kommt. Weil er seinen Weg geht und nicht den Weg der Gemeinschaft. Nicht ihren Weg. Er weiß es. Vielleicht ist das der Grund, warum er nicht da ist. Vielleicht kommt er einfach nicht mehr und lässt unsere Gemeinschaft einfach hinter sich…

Die Gemeinschaft stand für Chloe an oberster Stelle. Auch wenn es bedeutete,…

Schluss damit. Dafür hast du keine Zeit. Mach dich an die Arbeit, sagte die Stimme ihres Vaters.

Temi stand vor der Hütte ihres Vaters und ihr. Ihre Hand fuhr über das alte Holz der Tür. Sie drehte sich um und pfiff zwei mal schnell. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis Leonis auf ihrem Arm Platz nahm. „Ein langweiliger Tag nicht?“

Er krächzte kurz, wie als ob er ihr zustimmen wollte. Sie griff in ihre Tasche und zog zwei Stück Trockenfleisch heraus um den Falken zu füttern. Danach schleuderte sie ihn mit ihrem Arm in die Luft und Leonis stieg wieder in die Lüfte. Er würde wieder zu ihr kommen, wenn sie nach ihm pfiff. Es war beruhigend zu wissen, dass er da war, wenn sie ihn brauchte.

Dann öffnete sie die Tür und ging hinein. Auf der rechten Seite führte eine Leiter nach oben. Dort hatte ihr Vater und sie ihre Schlafplätze. Ihre Hütte war nicht besonders groß. Sie hatten auch nie wirklich Platz gebraucht, es gab ja immer nur sie beide. Gegenüber der Eingangstür am anderen Ende des Raumes war eine Tür. Dazwischen befand sich ein Tisch mit drei Stühlen und eine Feuerstelle. Mehr gab es hier nicht. Hinter der Tür gegenüber von ihr befand sich das Heiligtum ihres Vaters. Und genau dort würde sie nun hin gehen. Sie schloss hinter sich die Tür. Der Raum war halb so groß, wie ihr Wohnraum aber genauso lang. Ein langer Holztisch ging durch den ganzen Raum. Er stand direkt an der Wand. Hier hatte sie zusammen mit ihren Vater schon dutzende Hirsche zerlegt. Oder Wildschweine. Gegenüber des Tisches waren mehrere Haken an der Wand. Darunter Eimer für das Blut. Sie hing an jeweils einen Hacken ein Tier und ließ sie ausbluten.

Auch wenn sie mittlerweile selbst genauso viel erlegte wie der gute alte Zozo, so war es immer sein Reich gewesen und sie war nur ein Gast. Sie hatten abgesprochen, dass der nähere Wald im Norden ihr Territorium war und ihr Vater im weiter entfernten südlichen Wald jagen ging.

Natürlich arbeitete sie auch in der Hütte. Es war unsinnig einen zweiten Raum zu haben, in dem sie ihre Tiere zerlegen würde. Früher hatte sie mit ihrem Vater zusammen an den Tieren gearbeitet und niemals alleine, aber dann kam er eines Tages zu ihr und gab Temi ihr erstes eigenes Messer.

Du bist jetzt alt genug“, hatte er gesagt und es ihr ohne ein weiteres Wort gegeben. Seit dem Tag – es war kurz nachdem Alexio das erste Mal das Dorf verlassen hatte – nutze sie nur noch ihr Messer. Sicher es war der Tisch ihres Vaters, aber es war jetzt ihr Messer, dass dort durch das Bauchfell des ersten Kaninchens schnitt um es auszunehmen.

Zozo war nie ein Mann vieler Worte gewesen. Aber sie hatte verstanden, was er ihr sagen wollte. Die Zeiten hatten sich geändert. Jetzt war sie kein Kind mehr. Sie kannte nun die Horde und er könnte sie nicht ewig schützen. Irgendwann konnte es passieren das Chloe eine Entscheidung treffen musste. Die Gemeinschaft des Dorfes musste erhalten bleiben und sie war nur ein Teil davon und hatte sich zu fügen. Sie wusste nun Bescheid, dass nichts ewig andauerte und da draußen böse Dinge gab. 

Tyhros – Herdentrieb 3

3

Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen. Auf dieser Seite des Berges war das Gras noch feucht – an den Spitzen des Grases hingen Tautropfen, die in der Morgensonne wie Sterne funkelten. Seine Herde schlief zum Teil noch und lag auf dem Hang verteilt. Erzählte seien Herde. Vollzählig. Seit sein Vater tot war, war es seine Herde. Meine Familie, dachte Alexio.

Sie bestand aus fast zwei Dutzend Tiere. Die meisten davon waren Muttertiere mit ihren Kindern und ein Bock. Sein Dorf nannte die Tiere Markhorn. Ihre Dorfälteste kannte eine passende Geschichte dazu, wie die Tiere zu ihrem Namen gekommen waren, aber er hatte sie vergessen.

Der Bock war schon auf und graste an einem sonnigen Platz gut hundert Meter vom Rest entfernt. Sein braunes Geweih – es sah aus wie eine Spirale, die noch oben dünner wurde – leuchtete in der Sonne. Das braune, graue Fell – hier auf dem Berg war die Fellfarbe eine ideale Tarnung – glänzte in der Sonne. Das war ein gutes Zeichen. Den Tieren ging es gut.

Der Bock war ein gutes Stück größer als seine Damen und war deutlich schwerer als Alexio selbst. Er reichte ihm bis zum Bauch. Das Fell am Körper war kurz, nur an dem verhältnismäßig langem Hals war es länger und hing zottelig herab. Er musterte den Bock in der Morgensonne und konnte sich nicht verkneifen sich stolz zu fühlen so ein anmutiges Tier in seinen Reihen zu haben.

Vor drei Wochen war das letzte Junge auf die Welt gekommen. Es war ein Nachzügler. Die meisten Muttertiere hatten bereits vor zwei Monaten ihre Kinder zur Welt gebracht und so waren diese gut genährt und bereit für die Heimreise. Sein Blick suchte die Mutter und ihr kleines. Es lag nicht weit von seinem Zelt entfernt. Das Junge dicht bei seiner Mutter. Es war ein kleiner Bock.

Das ist gut, dachte Alexio. Es war auch Zeit geworden.

Er griff in seinen Lederbeutel und holte ein paar Beeren heraus. Später würde er die Herde den Berg hinunter treiben. Sein Vorrat an Essen ging zur Neige und bei aller Liebe er konnte nicht noch einen Tag von ein paar Beeren, altem Brot, Dörrfleisch und Milch von den Tieren leben. Außerdem war die Nacht eisig gewesen. Noch vor einer Stunde war der Tau noch gefroren gewesen und der Boden war trotz der Felle auf denen er schlief hart gewesen. Klar das Zelt – er hatte das Leder dafür vor ein paar Monaten von ihrem Jäger Zozo gegen Felle und Milch von seiner Herde getauscht und daraus ein notdürftiges Zelt zusammengebaut – machte es wesentlich angenehmer für ihn die lange Zeit hier zu bleiben, die die Tiere brauchten um genug Gras zu fressen vorm Winter, aber es war nicht perfekt.

Jetzt hob das Kleine seinen Kopf. Drehte ihn und sah zu Alexio. Blinzelte erst und dann gähnte es. Er selbst nahm ein paar der schwarzen Beeren und aß sie. Der Geschmack war gewohnt süß. Das Jungtier stand auf, sah sich um. Schwankte. Und trabte dann langsam zu ihm. Normalerweise wich es der Mutter nicht mehr als zwei Meter von der Seite. Aber jetzt tapste es die ganzen zwanzig Meter zu ihm.

Das ist ein Herbstkätzchen, hätte seine Mutter gesagt. Das übersteht den Winter nicht, hätte sein Vater gesagt. Aber sie waren nicht da. Schon seit einigen Sommern nicht mehr. Seit sie die alte Mutter zu sich geholt hatte. An Ihre Seite, dort wo alle ihre Väter und Mütter verweilten.

Der junge Bock stand vor seinen Füßen. Sah zu ihm auf und stieß den Kopf gegen seine Hand. Alexio lächelte zu ihm. „Guten Morgen Danil“, sagte er und tätschelte ihm den Kopf. Der Kleine sah ihn mit großen Bernsteinfarbenen Augen an. Stupste weiter mit seinem Kopf gegen seine Hand. Ein paar Beeren vielen ihm aus der Hand und ehe er reagieren konnte fraß Danil sie vom Boden auf. Alexio lachte auf und ließ sie ihm. „Nur zu, friss Sie. Bald müssen wir ins Tal. Zu den Anderen. Der Frost kommt. Es wird selbst dort unten knapp genug werden für dich.“

Das Dorf lag mehrere Tage von der jetzigen Stelle entfernt. Selbst wenn die Herde ihm brav folgen würde, würde es mehr als drei Tage brauchen. Aber es war wahrscheinlicher, dass er fünf und mehr brauchen würde. Es war nicht so einfach jetzt mit all den Jungtieren in der Herde. Es wurde ein Wettlauf gegen die Zeit werden, wenn er Pech hatte. Vielleicht hätte er schon früher aufbrechen müssen, aber jedes Mal schob er es hinaus. Er ist noch zu klein, er braucht noch einen Tag, sagte Alexio zu sich, auch wenn er wusste, dass das nicht der einzige Grund dafür war. Und so war der Vollmond gekommen, an dem er normalerweise bereits im Dorf zurück gewesen wäre. Aber heute morgen war er aufgewacht und wusste, dass er jetzt nicht mehr zögern durfte.

Manchmal kommen die Antworten mit den Träumen, hörte er seine Mutter sagen.

Danil ging zu Boden und legte sich auf seine Füße. Das weiche Fell wärmte ihn.

Vor ihm erstreckte sich das Tal. Am Ende befand sich sein Heimatdorf. Dort war es deutlich wärmer und vor allem milder. Der Boden war fruchtbar und die Lage war gut. Er bildete sich ein es sogar am Horizont sehen zu können. Aber das war wahrscheinlich nicht richtig. Es war ein weiter Weg bis dahin. Direkt am Fuß des Berges war ein Wald. Er würde am Waldrand in westlicher Richtung entlang folgen müssen, bis er auf den Fluss traf. Er konnte ja schlecht durch den Wald stapfen mit seiner Herde. Dann musste er eine seichte Stelle zum überqueren finden – Danil würde er tragen müssen sofern die Mutter es erlaubte. Dann hatte er es fast geschafft. Ein oder zwei Tage durch die Prärie in Richtung Süden.

Sein Entschluss weiter weg zu gehen als sonst – und vor allem höher – hatte sich gelohnt. Die Milch der Tiere schmeckte viel aromatischer als sonst. Er sah zu dem improvisierten Holzwagen neben dem Zelt. Er hatte ein Zuggeschirr für den alten Bock. Es würde also keine Schwierigkeit werden seine Waren mit zu bringen, wenn er zurück kehrte. Die letzten Wochen und Monate hatte er damit verbracht aus der Milch Käselaibe zu machen und die Wolle der Tiere zu säubern. Man würde ihn herzlich empfangen und er hatte viel mit zu bringen. Man wird ihm Schutz während der Wintermonate gewähren.

Er freute sich förmlich darauf wieder einen weicheren Boden zu haben und genug Schutz vor wilden Tieren zu haben um ganze Nächte durchschlafen zu können.

Nicht sicher genug, dachte er. Er schüttelte den Kopf um die Gedanken an seine Eltern zu verscheuchen. Und die von seinem kleinen Bruder.

Alexio gähnte und streckte sich. „Danil?“ Das Tier hob den Kopf.

„Los wir haben viel zu tun“, es gab einen vergnüglichen Laut von sich.

„Weck die anderen. In ein paar Stunden brechen wir auf. Ich bin gespannt was Thalis zu erzählen hat. Du wirst ihn mögen, er ist einer von den Guten.“

Thalis und er waren zusammen aufgewachen – es kam ihn wie ein anderes Leben vor. Ruhig, idyllisch. Seine Eltern und Thalis wohnten gleich eine Hütte weiter neben ihnen. Seit Vater stellte Werkzeuge her und töpferte. Marga, dessen Frau, schnitze kleine Holzfiguren oder stellte Schmuck aus den Zähnen und Knochen von Tieren her. Aus diesem Grund lernte Thalis von klein auf mit dem Feuer und dem Hammer um zu gehen. Thalis hatte ihm ein Messer geschenkt, bevor er das Dorf verlassen hatte. Er trug es immer bei sich. Befestigt in einer Hülle direkt an seiner Weste. Seine Hand fuhr abwesend darüber.

Ja er freute sich schon darauf Thalis Geschichten zu hören. Während das Junge wieder zu seiner Mutter trabte und mit seinem flauschigen Kopf – es würde frühestens in einem Jahr sein erstes kleines Geweih bekommen – gegen den Bauch der Mutter rammte und zwar so lange bis die Mutter aufstand. Alexio nannte sie Ari. Es mürrischer Knurren zu ihrem Sohn, dann war der Ärger scheinbar wie verflogen und sie begann über den Kopf des Jungen zu lecken.

Er selbst ging zu seinem Zelt. Er würde alles, was er besaß, auf den Wagen packen. Nachdem er auch kein Feuerholz mehr hatte, würde dort genug Platz sein für das Zelt und seinen Reisebeutel. Er hatte nicht viel. Und auch wenn er alte Bock eigensinnig war, so hatte er ihn noch nie im Stich gelassen. Er würde es auch jetzt nicht.

Thyros – Herdentrieb 2

2

Er hielt den kleinen leblosen Körper des Feldhamsters mit einer Kralle fest und pickte weiter darin herum. Riss einen Fetzen Fleisch oder ein Organ heraus und schlang es herunter. So lange bis er satt war. Seit seine Herren sich diese schnurrenden Viecher zu gelegt hatten, gab es immer weniger Mäuse und Hamster in der Gegend. Er bedauerte es. So ein Frühstück wie heute gab es sehr selten. Gut er bekam gutes Fleisch von seinem Menschen. Besonders wenn er ein paar Rebhühner aufgeschreckt hatte oder ein Kaninchen erlegt hatte. Aber das war einfach nicht das selbe. Dieser Hamster, den er selbst gejagt hatte war um Klassen besser.

Als er fertig war, breitete er seine Schwingen aus und stieg zurück in den Himmel. Er kreiste um das Dorf. Die Sonne wärmte sein Gefieder und sein Blick schweifte über die Häuser der Menschen. Braune flache Dächer aus den Bäumen gemacht. Die Menschen nahmen sich immer mehr von dem Wald. Jeden Tag. Manchmal zerteilten sie die Bäume nur und brachten die kleinen Scheite nach drinnen. Er wusste nicht wozu und es war ihm auch einerlei. Er hatte erst einen Winter mit gemacht, aber seit dem gab es noch mehr Häuser als noch ganz am Anfang. Immer wieder entdeckte er auf einem seiner Rundflüge eine kleine Gruppe aus Weibchen, manchmal mit ein paar ihrer Jungen oder ein einzelnes Männchen, dass umher streiften. Ein paar Tage später tauchten Sie dann im Dorf auf. Sonderbares Verhalten. Manche zogen danach weiter. Manche blieben.

Er beendete seinen Rundflug über die zwei Dutzend Häuser, stieg etwas höher und steuerte auf den Wald zu. Flog eine Schleife und ließ ihn zu seiner rechten liegen. Vor ihm tauchte eine Bergkette auf. Das Dorf lag inmitten eines Tales. Nicht weit entfernt schlängelte sich ein Bach von der einen Bergkette herab, machte eine Biegung und folgte dem Tal. Ein zweiter Bach von der anderen Bergkette kam dazu und bildete einen kleinen Fluss. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmolz schwoll er an und trat über die Ufer. Aber jetzt so kurz vor der Kälte führte er nur noch die Hälfte des Wassers. Der kleine Fluss passierte das Dorf und folgte dem Tal und er folgte dem Fluss. Hin und wieder sah er einige kleine Fische. Normalerweise nahm er hier sein Frühstück ein, aber heute hatte er Glück gehabt. Und so flog er einfach weiter. Flussabwärts. Bis ein dritter Bach mit deutlich mehr Wasser dazu kam und das Flussbett breiter wurde. Dann machte er kehrt. Nun war auch das meiste der Sonne zu sehen und das Tal strahlte hell vor ihm. Das Weiß der Steine blendete ihn. Der Falke landete auf dem Dach des höchsten Hauses und begann sein Federkleid zu putzen.

Unter ihm regte sich etwas. Es war nicht schwer für ihn eines der schnurrenden Biester zu entdecken. Es schlenderte – oder besser – sie schlenderte durch die Häuser. Jetzt konnte er auch ihre Witterung wahrnehmen. Der Falke beobachtete die Katze auf ihrem Weg entlang des Dorfes. Sie war ebenfalls auf Futtersuche. Er gab ein kehliges Pfeifen von sich und die Katze blickte auf und sah ihn an, wohl wissend, dass er an einem unerreichbaren Ort war. Aber selbst wenn das Biest es schaffen würde, so hatte er immer noch genug Zeit einfach abzuheben und weg zu fliegen. Also putze er sich weiter und beachtete sie nicht weiter.

Hammerschläge. Rhythmisch und konstant. Er drehte den Kopf nach rechts und sah einen der Menschen. Der Geruch von glühenden Kohlen mischte sich in die Luft begleitet von dem metallischen Geruch von geschmolzenen Eisen. Aus einem anderen Haus, besser gesagt, von dem Dach stiegen Rauchschwaden auf. Nun kam der Duft von frisch gebackenen Brot als drittes dazu. Natürlich kannte der Falke weder Hammer noch Eisen und was die Brotlaibe, die einer der Dorfbewohner gerade aus dem Ofen holte, waren wusste er auch nicht. Für ihn waren es die Gerüche des Morgens. Jetzt war das Dorf fast komplett zum Leben erwacht und die Gassen zwischen den Häusern füllten sich mit Menschen. Er konnte nicht verstehen was sie sagten. Für ihn waren es nur sonderbare Laute, aber die Lautstärke schwoll an, genauso wie der Fluss im Frühjahr neben dem Dorf.

Links im Augenwinkel nahm er eine Bewegung war. Sein Kopf schnellte dort hin und er entdeckte das schnurrende Biest auf einem der Dächer der angrenzenden Häuser. Es war jetzt am Morgen schwer eine Witterung innerhalb des Dorfes wahrzunehmen. Es gab zu viele verschiedene. Doch auf seine Augen und Reflexe war verlass. Sie machte einen Satz und sprang von einem Dach zum anderen. Es dauerte nur einen Augenblick und schon war sie tatsächlich hier oben bei ihm. Jeden Tag das selbe. Er breitete die Flügel aus.

Wieder konnte er die Sonne auf dem Gefieder spüren. Er war noch nicht lange wieder in der Luft, als er zwei schnelle Pfiffe hörte. Kurz danach setzte er zum zweiten Mal an diesem Tage zum Sturzflug an. Nur dieses Mal nicht um zu Jagen. Er landete zielgenau auf dem ausgestreckten Arm seiner Herrin. Vorsichtig krallte er sich in das Leder ihrer Unterarmschiene und sah sie an.

„Schon gut Leonis“, sagte sie – was er natürlich nicht verstand. Er gab nur ein weiteres Kehliges Geräusch von sich. Sie steckte den anderen Arm in ihre Tasche und zog einen Streifen Fleisch heraus. Es war von dem Kaninchen, das er gestern für sie gejagt hatte. Er schnappte danach und schlang es hinunter.

„Brav. Wie war dein Morgen?“, sagte sie. Er beachtete es nicht weiter. Und schlang weiter das Fleisch hinab. „Sehen wir mal zu, das wir los kommen.“

Sie senkte den Arm auf dem er saß und hob ihn dann ruckartig wieder an. Er breitete die Flügel aus und schwang sich in die Luft und nahm Kurs auf den Wald. Ein neuer Tag hatte begonnen.

Wenn der Regen gefallen ist..

….., ist der Boden mit Wasser überzogen. Tropfen fallen von den Bäumen. Die Luft ist dick und feucht. Man kann den Regen riechen. Die Pflanzen. Ist der Boden warm genug steigen kleine Wolken wieder auf. Es wird dunstig. Der Boden wird feucht, das Leben kann weiter gehen. Manchmal braucht die Welt diese Pause, diesen Neuanfang.

Manchmal entstehen ungewollt lange Pausen, in denen es zu regnet scheint. Und ungewollt ist gelogen. Die Prioritäten verschieben sich und Projekte bleiben auf der Strecke liegen. Der Erfolg winkt und man selbst gibt dem Versuch nach. Stürmt los und stürzt sich in die neue Arbeitswelt hinein. Die Chancen stehen 50:50 und vielleicht hat man ja alles richtig gemacht und steht plötzlich auf der anderen Seite. Hat Geld, hat Zeit, ein schönes Leben. Und dann kann man ja alle privaten Projekte nachholen. Dann hat man es ja geschafft und kann sich wieder anderen Sachen widmen. Und wie so oft ist das wohl auch gelogen. Geht es weiter nach oben wird die Luft dünner und das atmen fällt schon schwer genug, da kann man keine anderen Zeitverschwendungen mehr gebrauchen…Und die nahenden dunklen Wolken wollen wir zu erst nicht sehen und später erst recht nicht. Der Sturm zieht auf und es ist egal. Mit dem Kopf durch die Wand.

Wir gestalten unser Leben selbst. Treffen die Entscheidung und müssen damit leben. Manchmal ist es nicht der rechte Weg im Nachhinein, aber man würde sich trotzdem wieder so entscheiden. Warum auch nicht? Der Weg ist das Ziel und aus jeder Erfahrung kann man lernen und sich neu erfinden. Manchmal ziehen dunkle Wolken auf. Manchmal kommt man in den Wolkenbruch, manchmal verzieht sich das Unwetter wieder. Trotzdem geht die Welt nicht unter. Rückschläge, Neuanfänge. Sie gehören dazu. Und wenn der Regen gefallen ist, klart es auch wieder auf. Irgendwann steht die Sonne wieder am Himmel. Scheitern kann auch Erfolg bedeuten. Für einen selbst, für sein Leben und die Entwicklung. Es kann Zeit bedeuten. Platz für neue Gedanke, neue Kraft festgefahrene Strukturen aufzulösen. Neu anzufangen.

Der Sturm ist abgezogen und die Welt klart auf.

Ich habe in letzter Zeit viel angefangen, manches werde ich weiter verfolgen, manches nicht, manches ist schon fertig, vieles noch nicht. Aber auch wenn der Regen gefallen ist…Es sind nicht die Würfel. So bleibt noch Zeit für etwas mehr. Genau das werde ich in den nächsten Wochen versuchen. Es soll hier neues Leben entstehen.

So sei es nun, allen viel Spaß und einen schönen Sommer.

Thyros – Herdentrieb

Nach einig Zeit hab ich zwischen drinnen wieder die Zeit gefunden ein paar Takte zu schreiben. Es war eine hektische Zeit und ich hab hier alles etwas schleifen lassen. Wo der Weg hinführt wird sich zeigen. Alle die mir folgen wollen, nur zu. Wie weit er führt wird sich zeigen. Zumindest allen viel Spaß

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Part I – Herdentrieb

1

Es war Neumond gewesen und über den Gipfeln der Bäume klarte der Himmel gerade auf um die ersten Sonnenstrahlen des Tages anzukündigen. Es war – Dank der Wolken – eine milde Nacht gewesen. Aber es würde von jetzt an immer kälter werden. Am nächsten vollen Mond wird das Gras und die Äste schon bedeckt von Schnee sein. Es war still. Selbst die Vögel schliefen noch.

Ein kleiner Feldhamster nutze die Dämmerung um noch einmal auf Futtersuche zu gehen. Sein Fell hatte eine Mischung aus orange, braun und grauen Tönen. Er wuselte durch das Feld. Er hatte ein klares Ziel. Weiter vorne gab es riesige Mengen an Futter. Der Hamster wusste nicht was das Dorf genau war und erst Recht nicht was ein Haus geschweige den eine Speisekammer oder Lagerraum war. Er wusste nur, dass es dort Fressen gab. Und das man tagsüber lieber nicht weit aus dem Wald heraus kamen. Dort waren riesige komische Gestalten. Es war gefährlich. Erst seit ein paar Tagen war er hier. Auf der Suche nach einer neuen Heimat schien diese Gegend vielversprechend. Bis auf diese Gestalten, die nur zwei Pfoten hatten, witterte er selten andere – besser gesagt – gefährlichere Tiere. Zumindest keine, die ihn jagen würden. Besonders nachts war es sicher. Alle Tiere, die im Dorf wohnten, schliefen dann. Sogar sein Erzfeind. Dieses schnurrende Biest, dass ihn schon das ein ums andere Mal gejagt hatte.

Also überquerte er in den letzten Minuten der Nacht das Feld in Richtung der Häuser. Es war gar nicht so weit von seinem Bau – er hatte den Bau einer alten Feldmaus übernommen, die er zwar wittern konnte, aber nie näher gesehen hatte. Der Hamster ging davon aus, dass sie eines der Opfer von seinem Erzfeind war.

Jetzt allerdings war es sein Bau. Und schon reichlich voll für die kommende Zeit. Etwas trieb ihn an noch mehr zu besorgen. Also schlich er sich nachts durch die Gegend und sammelte und sammelte und sammelte. Altes Stroh, Blätter, Grashalme, kleine Fetzen von einem weißen Material, dass ganz genauso roch wie ein paar der Tiere, die bei den riesigen Gestalten lebten, und Moos um den Bau schön weich und warm auszukleiden. In einer Seitennische seines Heims lagerten Nüsse, Kastanien, Eicheln, und Körnern. Letztes stammte alles aus der ihm unbekannten Speisekammer, wo sie in Leinensäcken gelagert wurden. Er liebte besonders Weizenkörner. Jedes Mal wenn er die Speisekammer über ein Loch in der Wand betrat, fraß er hastig eine riesige Menge davon. Bevor er dann noch einmal seine Backen füllte und eine Fuhre mit nach Hause nahm.

Er war schon wieder auf dem Rückweg, als der erste Vogel zu seinem Lied ansetzte. Der Hamster hatte länger gebraucht als er wollte. Aber es war so warm gewesen. Und trocken. Noch besser als in seinem Bau. Kurz hatte er überlegt, ob er sich nicht hier ein Versteck suchen sollte und noch einmal ein neues Nest bauen sollte. Aber etwas in seinem Inneren sagte, dass dazu keine Zeit mehr war. Es konnte jetzt jeden Tag soweit sein. Also zu spät. Und dann war da immer noch der Erzfeind.

Es wurde jetzt hell. Immer mehr Sonnenstrahlen erhellten das Tal. Die Gipfel der Berge waren bereits mit einer Weißen Schicht überzogen. Genauer bereits bis über die Hälfte. Kalte Wind strömte jetzt zu jeder Dämmerung herunter und kroch über den Boden wie ein unsichtbarer Nebel. Immer mehr Vögel stimmten jetzt in das Lied mit ein. Nun war er fast wieder daheim. Hinter dem nächsten Stein ging es rechts entlang eines umgestürzten Baumes geradewegs zu seinem Bau. Wind kam auf und wirbelte Blätter auf. Sie stiegen und kreisten in der Luft. Farbige kleine Inseln inmitten einem immer heller werdenden leuchtenden Ozean. Es hatte in der zwischen Zeit aufgeklart und keine Wolke war mehr zu sehen.

Vielleicht war der Wind Schuld oder die Sonnenstrahlen. Oder der vollgefressene Bauch. Aber der kleine Hamster hatte den Falken nicht bemerkt, der über den Bäumen gerade zum Sturzflug ansetzte. Er schoss von oben herab. Die Sonne hinter sich. Direkt auf den Hamster zu. Der jetzt doch stehen geblieben war. Kurz zögerte, dann schnupperte und lauschte. Er drehte sich zur Sonne und starrte geradewegs hinein. Die Backentaschen noch immer voller Getreide. Erst war da nichts. Dann nur ein schwarzer Punkt. Dann war es zu spät.

Gerade als der Hamster sich gedreht hatte und zu einem Satz ansetzen wollte, gruben sich die Krallen des Vogels tief ins Fell des Nagers und der Schnabel hackte sich ins Genick. Der Hamster hatte nicht noch einmal Zeit für einen letzten Gedanken – oder etwas vergleichbares. Während jetzt die Sonne langsam aber sicher immer deutlicher am Horizont hinter dem Wald erschien und der Falken in Ruhe sein Frühstück – die Leber mochte er am liebsten – genoss, erwachte auch langsam das Dorf.